Ärztliche Autoren medizinischer Leitlinien


Appell an die Medizinischen Fachgesellschaften: Interessenkonflikte von Leitlinien-Autoren müssen nicht nur erklärt, sondern reguliert werden
Mindestens 50 Prozent der Leitlinien-Autoren dürfen keine (oder allenfalls geringfügige) Interessenkonflikte haben – langfristig soll dies für alle Autoren gelten

(29.05.15) - Klinische Leitlinien sollen Ärzten und Patienten helfen, die bestmögliche Behandlung für eine Krankheit zu finden. Sie sollen sich ausschließlich auf die verfügbare wissenschaftliche Evidenz stützen und dürfen nicht vom Gewinnstreben der Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten beeinflusst werden. Die ärztlichen Autoren medizinischer Leitlinien sind jedoch häufig mit der Industrie verflochten, beispielsweise durch Beraterverträge, Vortragshonorare und Industrie-finanzierte Studien. Daraus ergeben sich Interessenkonflikte, also das Risiko einer verzerrten Bewertung aus sachfremden Beweggründen.

MEZIS, Transparency Deutschland und NeurologyFirst engagieren sich für eine Industrie-unabhängige Medizin. Gemeinsam starten sie nun eine Kampagne, um die Unabhängigkeit von Leitlinienempfehlungen zu sichern. Adressat sind die medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland und ihre Dachorganisation, die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Die Kernforderungen lauten:
>> Mindestens 50 Prozent der Leitlinienautoren dürfen keine (oder allenfalls geringfügige) Interessenkonflikte haben – langfristig soll dies für alle Autoren gelten.
>> Der federführende Autor darf keine Interessenkonflikte haben.
>> Zur Bewertung der Schwere von Interessenkonflikten werden Regeln erarbeitet.
>> Autoren müssen sich bei Abstimmungen enthalten, wenn ein Interessenkonflikt besteht.
>> Entwürfe von Leitlinien müssen in der Fachgesellschaft breit diskutiert werden.

Inzwischen werden Interessenkonflikte von Leitlinien-Autoren zwar weitgehend offengelegt, aber kaum reguliert. Aktueller Anlass der Aktion ist die AWMF-Leitlinie "Sekundärprävention ischämischer Schlaganfall und transitorische ischämische Attacke". Daran beteiligt waren Vertreter von 19 Fachgesellschaften und Verbänden. Die Leitlinie entspricht dem höchsten methodischen Niveau S3. Die Interessenkonflikte der Leitliniengruppe werden transparent beschrieben, jedoch keine ausreichenden Konsequenzen gezogen. So empfiehlt die Leitlinie beispielsweise den bevorzugten Einsatz der neuen und teuren Blutverdünner gegenüber den herkömmlichen Vitamin-K-Antagonisten. Die Entscheidung fiel mit zehn zu neun Stimmen bei vier Enthaltungen äußerst knapp. Unter den 23 stimmberechtigten Mitgliedern der Leitliniengruppe gaben 16 Interessenkonflikte an: 10 hatten Beraterverträge mit den Herstellern der neuen Blutverdünner, sechs weitere hatten Vortragshonorare von dieser Seite erhalten. Zwar weiß niemand, ob die finanziellen Beziehungen zur Industrie die Entscheidung tatsächlich beeinflusst haben, sie sind aber als Risiko für eine Beeinflussung anzusehen und wecken so Zweifel an der Glaubwürdigkeit einzelner Empfehlungen.

Für Dr. Angela Spelsberg von Transparency Deutschland ist die Vermeidung von Interessenkonflikten bei Leitlinienautoren eng verknüpft mit der Transparenz klinischer Studien: "Leitlinienautoren haben eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der 2014 verabschiedeten europäischen Richtlinien für die Transparenz klinischer Studiendaten. Studien, die diese Kriterien nicht erfüllen, können dann bei Leitlinien nicht oder nur mit Einschränkungen berücksichtigt werden. Nach diesen klaren Regeln lassen sich Interessenkonflikte bei Leitlinienautoren besser erkennen und vermeiden."

Dr. Niklas Schurig vom MEZIS-Vorstand betont die Verpflichtung zur Neutralität: "Die Ärzteschaft, unsere Patientinnen und Patienten und die Öffentlichkeit erwarten, dass ärztliche Behandlungsempfehlungen unabhängig von kommerziellen Interessen sind. Daher muss ein Industrieeinfluss bei medizinischen Leitlinien ebenso strikt ausgeschlossen werden wie etwa bei der Stiftung Warentest."

Prof. Dr. Thomas Lempert von NeurologyFirst ergänzt: "Der häufig vorgebrachte Einwand, dass es in den Fachgesellschaften keine Pharma-unabhängigen Experten mehr gäbe, ist für uns keine überzeugende Rechtfertigung, sondern ein behandlungsbedürftiger Befund." (Transparency: ra)

Transparency International: Kontakt und Steckbrief

Der Informationsanbieter hat seinen Kontakt leider noch nicht freigeschaltet.


Meldungen: Markt / Unternehmen

  • Identitäts-Wallet (EUDI-Wallet)

    Ein breites Bündnis aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und deutscher Kreditwirtschaft setzt sich für die rasche Einführung einer europäischen digitalen Identität ein. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern die unterzeichnenden Verbände, darunter Bitkom und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), klare politische Leitlinien sowie eine beschleunigte Umsetzung für die Identitäts-Wallet (EUDI-Wallet). Eine Wallet ist eine virtuelle Brieftasche, in der verschiedene digitale Dokumente auf dem Smartphone oder Tablet gespeichert werden können.

  • In den Diensten der Rechtsberufe

    Doctrine, Plattform für juristische KI, steigt in den deutschen Markt ein. Das französische Legaltech-Unternehmen bietet seine Lösungen nun auch deutschen Kanzleien, Unternehmen, Behörden und Gerichten an. Doctrine entwickelt KI-Werkzeuge, die auf der Grundlage verlässlicher juristischer Informationen bei der Recherche sowie dem Verfassen juristischer Schriftsätze unterstützen. In Deutschland kooperiert Doctrine dazu mit dejure.org, einer der vertrauenswürdigsten Quellen für juristische Informationen. Doctrine geht hierzu eine strategische Beteiligung an dejure.org ein.

  • Cloud-Souveränität beginnt in Europa

    Wer hat Zugriff auf unsere Daten - und wo sind diese gespeichert? Diese Fragen stellen sich aktuell immer mehr Unternehmen in Europa. Angesichts zunehmender Cyberrisiken und globaler Spannungen wächst das Bewusstsein für digitale Souveränität. Und das zu Recht: Besonders die Zusammenarbeit mit US-Cloud-Diensten führt für europäische Unternehmen immer wieder zu Herausforderungen - sowohl operativ, rechtlich als auch sicherheitstechnisch. Die Bedeutung des europäischen Datenstandorts für Resilienz, Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit ist daher wichtiger denn je. Das gilt gerade für das Vertragsmanagement. Denn hier kommen hochsensible Informationen ins Spiel.

  • Kernkapital geht insgesamt zurück

    Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) und die Europäische Zentralbank (EZB) haben die Ergebnisse ihres regelmäßigen Stresstests veröffentlicht. Seit dem Frühjahr haben sich die Kreditinstitute der Simulation eines Basis- und eines pessimistischen Drei-Jahres-Szenarios mit einem schweren makroökonomischen Abschwung gestellt. Die Ergebnisse werden von der EZB zur Berechnung der individuellen aufsichtlichen Eigenmittelempfehlung der Institute herangezogen. Der Stresstest hatte zuletzt 2023 stattgefunden.

  • Bitkom veröffentlicht Transparenzbericht

    Als erster großer Wirtschaftsverband hat Bitkom einen umfassenden Transparenzbericht veröffentlicht. Er enthält unter anderem detaillierte Angaben zur internen Organisation, Entscheidungsprozessen, Mitgliederstrukturen, Finanzen und Beschäftigten, Kommunikation und den politischen Aktivitäten. Mit dem Transparenzbericht geht Bitkom deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.

Wir verwenden Cookies um unsere Website zu optimieren und Ihnen das bestmögliche Online-Erlebnis zu bieten. Mit dem Klick auf "Alle akzeptieren" erklären Sie sich damit einverstanden. Erweiterte Einstellungen